Der Ablass – für Geld und wunde Füße

Vor dem Himmel kommt das Feuer – eine lange, schmerzhafte Reinigung von den aufgehäuften Sünden. Wer besondere Leistungen vollbrachte, konnte die Zeit im Fegefeuer verkürzen. Die Bescheinigung dafür war der Ablass: das Erlassen der Strafe für Sünden. Voraussetzung für den Straferlass war das Benkennen der Schuld in der Beichte.

Zusammen mit der Beichte bildete der Ablass eine Art Vertrag, der in Gottes Gericht wirksam wird. Ablässe wurden von der Kirche für Pilgerreisen, später auch gegen Geldzahlungen ausgegeben. Das Erwerben von Ablässen war attraktiv, doch es rief auch Protest hervor. Der Ablass sei eine Anmaßung der Kirche. Nicht erst Luthers Reformbewegung nahm hier ihren Anfang.

Der Ablass stammt aus einer Zeit, in der den Menschen bewusst war, dass sie unvollkommen sind und sich schuldig machen. Denn Gott ist da – allgegenwärtiger Lebensgrund und allwissender Richter. Was kann man also in Gottes Gericht vorbringen, um zu bestehen? Vorweggenommene Strafen durch Bußleistungen? Gute Taten, die über die Pflicht hinausgehen? Das Schuldbewusstsein des mittelalterlichen Menschen rechnete mit einem langen, schmerzhaften Feuer der Läuterung nach dem Tod. So wie Erz in der Schmelze gereinigt wird, reinigt das Fegefeuer die Seele, um in den Himmel eingehen zu können.

Hier kann Ablass die Zeit verkürzen. Denn die Kirche besitzt einen Gnadenschatz: es sind die unzähligen guten Werke von Christus und den Heiligen, die alle weit mehr getan hatten, als zu ihrem eigenen Heil nötig war.

Die Kirche verstand sich als rechtmäßige Erbin Christi und aller Heiligen. Aus dieser Erbschaft speist sich der Ablass. Der Papst genoss das Privileg einen Generalablass auszugeben. Dieser war besonders attraktiv, denn er bedeutete nicht allein die Verkürzung der Fegefeuerstrafen, sondern die Erlösung jeglicher Feuerqual. Ein vollständiger Straferlass war anfänglich nur durch mühsame Pilgerschaft nach Rom zu erlangen; zur Zeit Martin Luthers konnte man ihn gegen Geld an jedem Ort erwerben, an dem unter der Standarte des Papstes der Ablass verkündigt wurde – so auch bei Johann Tetzel in Jüterbog.

Besonders attraktiv war der Ablass des Johann Tetzel dadurch, dass er nach sozial gestaffelten Preisen ausgegeben wurde und auch für die Zukunft und für bereits Verstorbene galt. Hier setzte Luthers Kritik an: Der Papst und die Kirche haben keine Zugriffsmöglichkeiten auf die Seelen der Verstorbenen. Und welche Bedeutung hat Buße noch, wenn künftige Sünden schon ‘verrechnet’ sind?