Der Johann Tetzel-Mythos

Geldgierig, korrupt, skrupellos, so ist er in die Geschichte eingegangen, der ‘Ablasshändler’ Johann Tetzel. Für die Lutheraner wurde er zum Sinnbild einer verdorbenen Kirche und damit zum idealen Feindbild. Viele auf Seiten der römisch-katholischen Kirche sahen in ihm einen Mitschuldigen an der Kirchenspaltung, die ohne seine Maßlosigkeit vielleicht zu verhindern gewesen wäre.

Anhand der historischen Quellen kann man heute sagen: Zuviel der Ehre, zuviel des Zorns! Johann Tetzel tat nichts, was außerhalb der damaligen Ordnung stand. Persönliches Fehlverhalten ist nicht nachweisbar und die Rechtmäßigkeit seiner Lehre sogar noch zu seinen Lebzeiten bestätigt worden.

Johann Tetzel, um 1465 in Pirna geboren, ging zum Studium nach Leipzig, trat dort auch in den Dominikanerkonvent ein, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Doch Legenden erzählen freilich etwas anderes: wegen Ehebruchs und Spielbetrugs sei er sogar zum Tode verurteilt und nur durch Kaiser Maximilians Begnadigung vor der Vollstreckung bewahrt worden.

Ablassprediger wurde Johannes Tetzel nun wirklich, zudem auch Inquisitor. Für einen theologisch versierten Dominikaner waren es klassische Arbeitsbereiche, die ihn an die neuralgischen Punkte der Zeit führten: den Ablass nach römischer Lehre zu verkünden und aufkommende Irrlehren anzuprangern.

Nach erfolgreichen Ablasskampagnen war er ab 1515 im Erzbistum Magdeburg mit dem Petersablass betraut – einem päpstlichen Generalablass, der eine vollständige Tilgung der Fegefeuerstrafen bedeutete. Die Gebühr, die für den Ablass gezahlt werden musste, war teilweise für den Neubau des Petersdoms bestimmt, teilweise ging sie an den Magdeburgischen Landesherren, Erzbischhof Albrecht von Brandenburg, der bei den Fuggern enorme Schulden hatte.

In dieser Zeit war der päpstliche Ablass ‘modern’ und erfolgreich; zugleich aber in Verruf geraten. Johann Tetzel verkündete auch in Jüterbog – wohl um Ostern 1517 – den Ablass und tat es damit in ummittelbarer Nähe zu Wittenberg. Dort griffen Martin Luther und Andreas Bodenstein gen. Karlstadt bereits kurz darauf in Predigten das missbräuchliche Ablasswesen an.

Als ein halbes Jahr später Luther mit den 95 Thesen über die Stadtgrenzen Wittenbergs hinaus seine Kritik verlauten ließ, reagierte Tetzel, obwohl er namentlich nicht angegriffen wurde, als Erster mit einer theologischen Gegenkritik und trat in Streit mit dem wesentlich jüngeren und schnell auch bekannteren Theologieprofessor Martin Luther.

Diesen Streit führte Tetzlel von Anfang an verbittert: mit dem Vorwurf der Ketzerei. Auch wenn eine Verbrennung von Luthers Thesen durch ihn wohl ebenfalls ins Reich der Legenden gehört, zeigt sie doch, welch ein Urteil Tetzel für Luther forderte. So kann es auch als sein Verdienst angesehen werden, dass der Vatikan im Sommer 1518 das Ketzerverfahren gegen Luther aufnahm.

Das Vorgehen der römisch-katholischen Kirche änderte nichts an Tetzels persönlicher Niederlage: Seine Gegenthesen waren die ersten Schriften, die im Zuge der beginnenden Reformation öffentlich verbrannt wurden. Seine weiteren Erwiderungen auf Luther blieben nahezu unbeachtet. Die Lage verschlimmerte sich noch: In frühen Vermittlungsverfahren mit Martin Luther versuchte die päpstliche Seite, Johann Tetzel die Schuld für den Konflikt anzulasten. Luther selbst war es, der sich dagegen wehrte und in einem Brief erklärte, dass seine Kritik nicht Tetzel persönlich treffe, sondern die gesamten mit dem Ablasssystem verbundenen missbräuchlichen Praktiken. Zu diesem Zeitpunkt war der Ablassprediger bereits schwer erkrankt. Zur Leipziger Disputation im Juni/Juli 1519 (dem ersten öffentlichen Streitgespräch zwischen den Fronten des Ablasskonfliktes) konnte er nicht mehr erscheinen, was ihm zusätzlichen Spott einbrachte. Kurz darauf verstarb er.

Johann Tetzels Wirken in Jüterbog brachte ihn in den Wirkungskreis einer Reformströmung und damit in das Scheinwerferlicht der Weltgeschichte. Er sah gewiss als einer der Ersten, wie radikal Luthers Kritik die Kirche und Gesellschaft erschütterte. Aber etwas anderes als Abwehr war dem päpstlichen Ablassprediger und frommen Vertreter der römisch-katholischen Ordnung nicht möglich. Somit ist er Sinnbild einer kirchlichen Wirklichkeit, die an ihre Grenzen gekommen war – und damit für Martin Luther der erste spürbare Stein des Anstoßes.