Extra Muros – Außerhalb der Mauern

Mauern schützen. Sie müssen schützen, denn sonst herrscht das Chaos. Dies war dem mittelalterlichen Menschen bewusst. Er wusste noch von einer Welt, in der unbeherrschbare Kräfte ihr Unwesen treiben und die Menschen peinigen – mit Krankheit, Leid und Tod, mit Sünde, Schuld und Scham.

Der mittelalterliche Mensch hielt nicht an einem optimistischen Weltbild fest, nachdem ‘schon irgendwie alles gut ist’. Seinem Verständnis nach war die Ordnung der Welt brüchig und bedroht von der Barbarei. Die befürchteten Bedrohungen gingen von Dämonen und Geistern, aber auch von der eigenen Sündhaftigkeit aus.

Dagegen schütze vor allem: die Ordnung Gottes und von ihr abgeleitet die Ordnung der Kirche, von ihr geprägt die der Christenmenschen. Diese Ordnung bringt Frieden, wenn sie einen Raum hat, in dem sie frei wirken kann. Dieser Schutzraum muss ‘umfriedet’ werden. Jede mittelalterliche Stadt hatte schützende Mauern, die Kirchen ebenso, die Friedhöfe, ja sogar die Vorstellungen und Bilder vom Paradies.

Doch was ist ‘extra muros’ – außerhalb der Mauern? Nicht die schöne, offene Landschaft, die zum Spaziergang einlädt, sondern die unfriedliche Welt, die es möglichst schnell zu überwinden gilt. Außerhalb der Mauern ist die Ordnung nicht geschützt. Da ist auch der Mensch auf sich allein gestellt, nein, vielleicht nicht einmal dies. Denn auf sich allein kann man sich nicht stellen – das wusste der mittelalterliche Wanderer. Er war darauf angewiesen, dass keine Bestie ihn bedroht, kein Räuber überfällt, dass fremde Menschen ihm weiterhelfen und die eigenen Gedanken ihn auf dem Weg nicht schwermütig machen.

‘Extra muros’ ist man allein in Gottes Hand. Das ist wie loslassen und vertrauen, aufgefangen zu werden. Oder drastischer: mit sich machen lassen, was Gott vorhergesehen hat. Darum gingen die Einsiedler in die Einöde, darum mussten die Ritter zur Prüfung weit weg ziehen, darum war das Pilgern ein ‘frommes Wagnis’. Gewiss gab es auch die anderen, die Kaufleute und Händler, die umherziehenden Handwerker und die Landstreicher. Aber auch für sie war die Welt außerhalb der Mauern nie Ziel, sondern immer nur Hindernis, welches es schnell zu überwinden galt.

‘Extra muros’ ist ein besonderer Prüfungsort für den Menschen. Es braucht Gottvertrauen und Tapferkeit, sich auf ihn einzulassen.

‘Extra muros’ ist man frei – nicht, um tun und lassen zu können, was man will (das wäre gefährlich), sondern frei ‘mit sich und seinem Herrgott’, frei für Erfahrungen, die man nur selbst machen kann, frei auch von den anderen und was sie vorgegebenen haben.

Der Weg, der aus den Mauern der Ordnung herausführt, ist gefährlich und beschwerlich, aber auf ihm beginnt etwas Neues.

Der Luther-Tetzel-Weg will dies verdeutlichen.